München, Tag 3: Shaking The Habitual Show von The Knife

Lang haben wir gewartet. Seit ihrem letzten Album “Silent Shout” sind sieben Jahre vergangen. Genauso lange ist es auch her, dass die beiden Geschwister Karin und Olof gemeinsam auf der Bühne standen. Trotz Karins großartigem Soloprojekt “Fever Ray”, welches uns die Wartezeit auf ein neues The Knife Album versüßte, sehnte man sich doch immer wieder nach einem neuen gemeinsamen Werk der Beiden. Am Abend des 3. Tages unserer Münchenreise stand endlich die lang erwartete Live-Performance des schwedischen Duos auf dem Plan: die Shaking The Habitual Show.

Das Konzert in der Muffathalle begann mystisch, mit viel Rauch und dunkelblauem Licht. Glitzernde Kapuzen, futuristisch anmutende Instrumente, ein aus tiefen Bässen gewobener Soundteppich breitete sich über unsere Köpfe. Die Geschwister waren nicht nur zu zweit, nach und nach betraten in weite Kapuzenmäntel gehüllte Gestalten die Bühne. Karin Dreijer Andersson schickte zwei Silben mit ihrer unverwechselbaren Stimme ins Mikrofon, Olof schwang die Drumsticks und das Publikum geriet in Ekstase.

Die Shaking The Habitual Show startet.

Die Shaking The Habitual Show startet.

Mit “A Cherry On Top” wurde die Show eröffnet, auch bei der nächsten Nummer “Raging Lung” kamen die extravaganten Instrumente zum Einsatz, an deren Fähigkeit Klänge erzeugen zu können jedoch gezweifelt werden muss. So wurde ein Instrument, das sehr an ein chinesisches Guqin erinnert hat, mit leuchtendem LED-Bogen bearbeitet und weiter hinten leuchteten die Saiten einer dreieckigen Harfe, die aussah als stamme sie aus den Requisiten alter Enterprise Episoden, um die Wette. Vermutlich waren diese Instrumente also eher für das Auge als für das Ohr gedacht und haben nicht zur Klangkulisse beigetragen.

Neon.

Neon.

Im Anschluss wurde es heller, die Kapuzen fielen und die Performer zeigten ihre Gesichter. Wo bei früheren Konzerten Masken und Overalls dominierten, gab es nun nur noch dick aufgetragenen Glitter um die Augen und Langhaarperücken. Mit dem helleren Licht verschwand leider auch das Geheimnisvolle und das Konzert war plötzlich zu einer Tanzvorstellung mutiert, bei dem alle auf der Bühne – einschließlich Karin und Olof – einstudierte Choreografien darboten. Was zu Beginn sicher mitreißend war, hat sich dann doch etwas in die Länge gezogen. Noch enttäuschender war allerdings die Tatsache, dass sich Karin bei Liedern wie “A Tooth For An Eye” und “Without You My Life Would Be Boring”, ausschließlich dem Tanzen gewidmet hat, während ihre Stimme aus der Konserve ertönte. Gerade bei diesen Liedern hätte man sich doch Live-Gesang gewünscht. Immer wieder traten die Geschwister in den Hintergrund und haben den Tänzerinnen und Tänzern die Bühne überlassen. Nach den anstrengenden Tanzperformances ließ Band und Tanzgruppe das Publikum bei fast völliger Dunkelheit mit der Nummer “Networking” allein stehen, während im Hintergrund die Kleidung gewechselt und wohl auch der Schweiß getrocknet wurde. Die Gänsehautstimmung ist danach leider nicht mehr aufgekommen.

Got 2 Let U.

Got 2 Let U.

Besuch von alten Bekannten bekam die Show mit “One Hit”, einer neuen Version von “Bird”, sowie “Got 2 Let U”. Letztere Nummer performte eine in einen Bilderrahmen projizierte, brillentragende Karin mit aufgeklebtem Bart und ein Frauenkleider tragendes männliches Mitglied der Tanztruppe. Dieser bewegte den Mund übertrieben zur Playback-Stimme von Karin, was diesen an sich hervorragenden Hit zu einer eher grauenhaften Darstellung werden ließ.

Mit Silent Shout endet das Konzert.

Mit Silent Shout endet das Konzert.

Immerhin gab es einen krönenden Abschluss, bei dem die Bühnentechnik zeigen durfte was in ihr steckt: Ein bunter Laser-Strudel und eine äußerst gelungene neue Version von “Silent Shout”, bei der die elektronischen Töne durch Flötenklänge ersetzt wurden, haben das Publikum ein letztes Mal ordentlich durcheinander gewirbelt. Shaking The Habitual – Die Show wurde ihrem Titel sehr gerecht. Es gab eindeutig mehr Show als Konzert, mehr Tanz als Gesang. Diese Show regte auf alle Fälle zum Nachdenken an. Der Auftritt war bewusst provokant und man hatte danach mehr Fragen, als man Antworten erhalten hat. Wollte The Knife damit aufzeigen, wie leicht wir als Publikum beeinflussbar sind? Die Konzerte waren immerhin noch vor dem offiziellen Vorverkauf ausverkauft. Sind wir nichts weiter als manipulierbare Konsumenten, gefangen in einem System von Kapitalismus und Sehen-und-gesehen-werden? Eines hat The Knife ein weiteres Mal geschafft: Die Band hat überrascht – leider nicht durchwegs positiv.

Dieses Konzertreview wurde von David Aminger verfasst.

 

 
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